Unter Schafen

Tag 1 – Fr. 9. Juni 2017

Tyndrum – Kinloch Rannoch

60km – 890hm – 5h



Auch diese Geschichte beginnt auf einem Bahnsteig am West-Highland-Way.

5 Jahre ist es her und jetzt will ich keine Minute mehr warten, also los. Runter in den Ort, wo ich auf die vielbefahrene Hauptstraße einbiegen muss und…….uff, der LKW, der an meinem Vorderrad vorbei­rauscht hätte mich fast erwischt und die Geschichte wäre hier bereits zu Ende gewesen. Lektion 1: Obacht, Linksverkehr!

Durchatmen. Entspann dich, du willst doch kein Rennen fahren, erinner dich an das Rannoch-Moor-Gefühl. Gemächlich fahre ich also durch den Ort, vorbei am Real-Food-Cafe, wo sich die Finisher des HTR immer treffen, dann rechts in eine Seitenstraße zur Tyndrum-Village-Hall, dem Startpunkt des HTR. Na ja, die „Hall“ ist ne ziemliche Bruchbude, aber Legenden müssen nicht gelackt sein und mit der Kamera auf einem Mülleimer plaziert gibt’s das offizielle Starterfoto.

Alles noch so schön sauber

2016 gab Howard Perkins den Startschuss für das HTR, nachdem er gerade von seiner ITT zurückgekehrt war. Vor 2 Wochen durfte der 12-jährige Tom Seipp das Go rufen, nachdem er soeben die Tour mit seinem Vater Rich in 8 Tagen bewältigt hatte (Respekt, Junger!)

Ich starte ohne Publikum, aber mit großen Erwartungen um 15.15Uhr meine Highland-Trail-550-ISS mit einem zuversichtlichen „Let’s ride“.

Erst mal zum Wetter. Letzte Nacht hat es geregnet, aber jetzt ist es heiter bis wolkig und es bleibt den Rest des Tages trocken (zumindest von oben) mit bis zu 15°C.

Auf dem WHW geht es parallel zur A82 und bereits nach 1km muss ich absteigen und ein Weidegatter passieren (das erste von mindestens 100 auf der gesamten Tour). Auf der dahinter­liegenden Brücke über die Bahn­linie treffe ich die ersten WHW-Wanderer, zwei Deutsche, die das 1km-Foto machen (keine Sorge, geht nicht so weiter).

Kurz darauf gibt es die erste, kurze, aber holprige Singletrail-Passage mit Downhill und Weidegatter, dann wieder breiter Weg mit mächtig aufkommenden Highland-Feeling.

West-Highland-Way

Bei km 5 ist das dritte Weidegatter zu überklettern und hier ist der Punkt, an dem sich der Kreis des HTR schließt. 5 km weiter entlang des WHW liegt Bridge of Orchy, aber das werde ich voraussichtlich erst in 12 Tagen erreichen, denn jetzt geht es Richtung Osten ins Glen Kinglass.

Und hier wartet schon die erste Bachdurchquerung auf mich, die erste von unzähligen und bereits hier laufen mir die wasserdichten Seal-Skinz-Socken voll, da sie am Saum nicht fest genug anliegen. Also aus damit und normale Merino-Socken angezogen. Schuhe und Socken behielten bis zum vorletzten Tag ihr solide Grundfeuchte, oder anschaulicher gesagt, blieben batschnass.

Brücke der West-Highland Eisenbahnlinie am Beginn von Glen Kinglass

Der Weg durch das Glen geht gemächlich ansteigend auf Landrover-Track durch Weideland. Und das bedeutet Schafe, Weidegatter, Schafe, Bachdurchquerung, Schafe, Weidegatter, Bachdurchquerung…..aber schön. Und ruhig. Im Gegensatz zum belebten WHW treffe ich hier keinen Menschen. Nur Schafe. Viele Schafe.

Nach 7km ist Loch Lyon erreicht, an dem der Weg 12km entlangführt, mit einem kurzen Abstecher in ein Seitental, wo der breiteste Bach für heute zu queren ist. Der ist zwar maximal knietief, aber Gelegenheit für ein erstes Helden-Selfie (ein soge­nanntes Helfie) für die Dot-Watcher zuhause.

Vom Lairig rollt es abwärts Richtung Loch Rannoch in einen Wald hinein und als die HTR-Route nach Westen abknickt, verlasse ich den breiten Forstweg und mache einen meiner geplanten Abstecher ans östliche Ende des Lochs. Anfangs auf spaßigem Wurzeltrail, dann auf bequemem Wander­weg längs eines schönen Tälchens durch Birkenwald bis auf die Singletrack-Road am Loch Rannoch. Hier gibt es einen kleinen einfachen Campingplatz der Forstbehörde, aber ich habe mir im Vorfeld mittels Google-Street-View ein anderes Plätzchen, näher an den Ziel-Etablissements gesucht. Das ist zwar keine offizielles, aber ein geduldetes und offensichtlich häufiger genutztes Plätzchen. Heute wird es außer mir nur von einem Wohnmobil geteilt.

Apropos Guinness, bevor ich das Zelt aufbaue, fahre ich am Plätzchen vorbei nach Kinloch Rannoch. Hier gibt es einen kleinen Laden und ein Cafe, aber die haben beide schon geschlossen. Egal, mein Ziel und der Grund für diesen Abstecher liegt etwas außerhalb des Örtchens, die Schiehallion Bar des Macdonald Loch Rannoch Hotels. Ein edles, gut besuchtes Lokal und ich frage erst mal, ob ich, so verdreckt wie ich bin, überhaupt rein darf. Aber so was wie mich sind die hier wohl gewohnt und so ordere ich einen Scottish Prime Burger und probiere das lokale Schiehallion Lager. Schiehallion ist ein ebenso bekannter wie prägnanter Berg südöstlich des Lochs. Das Craft-Bier wird beschrieben als „ein atemberaubendes Lager mit einer eleganten Kopfnote und einem köstlichen Geschmack. Es hat Aromen von frisch geschnittenem Gras, braunem Zucker, Litschis und grüner Mango mit einem langanhaltenden frischen, grapefruitigen Abgang“. Mir ist es ganz schlicht zu hopfig-fruchtig, aber bereits beim zweiten haben wir näher zueinander gefunden.

Slàinte mhath!

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