Von Eiszeiten, Jakobitern und Monstern

Tag 4 – Mi. 23. Mai 2012

Roybridge – Fort Augustus

53km – 1042hm – 5h



Ich habe gestern lange überlegt, wie ich nun vorgehe und entschließe mich endlich, mit der Bahn, die durch Roybridge fährt, um 9:30 nach Fort William und um 12 zurück nach Roybridge zu fahren, um dann die heutige Etappe ans Loch Ness anzugehen. Müsste klappen, obwohl ich auch für die Strecke bis zum Anstieg zum Corrieyairack-Pass nur einen GPS-Track, aber keine Streckenbeschreibung habe. Es ist zwar Teil des dreitägigen Ben-Nevis-Loop, aber zumindest ein paar Kilometer sind in der Karte als Pfad eingezeichnet und da weiß man nie. Der Corrieyairack dürfte kein Problem sein, denn der Weg darüber ist eine alte Militärstrasse, eine von General Wade’s military roads, gebaut 1731 zur Zeit der Jakobiteraufstände.
Ach, was soll’s, ich hab ja ein Zelt und am Beginn des Corrieyairack-Anstiegs gibt es eine Bothy.

Ich lasse mein Gepäck auf dem Camping und fahre zum Bahnhof, der ganz in der Nähe ist. Bis Fort William fährt der Zug ca 20 Minuten. Es ist die gleiche Linie, mit der ich bis Bridge of Orchy gefahren bin. Die Strecke führt von Orchy durch’s Rannoch Moor, am Loch Treig vorbei und dann Richtung Westen über Roybridge nach Fort William, macht also einen großen Bogen um all die Berge, die ich in den letzten Tagen überquert habe.

Da hilft kein Filter
Da hilft kein Filter

Der Bahnhof in Fort William ist direkt an der Haupteinkaufstrasse. Hier bekomme ich meinen methylatet spirit und frage mich, ob man vor manchen Sachen nirgends sicher ist.



Direkt an der Hauptstrasse liegt ein Radladen, der einen professionellen Eindruck macht. Man sagt, man würde die Karkasse von innen mit einem Stück alten Mantel flicken, der Mechaniker sei dafür Spezialist.

Ich nutze die Zeit, um nebenan mein scottish breakfast einzunehmen, diesmal die Luxus­variante mit Grilltomate und grilled Mushrooms.

Mein Rad ist fertig. Es wurde allerdings nicht repariert wie angekündigt, sondern es wurde ein Selbstklebeflicken von Park-Tools draufgemacht. Wäre keine endgültige Lösung, würde aber für den Rest der Strecke halten, verspricht man mir. Hm, na gut, Fort William ist Haupstadt Schottlands für MTB-Downhill und hat ne Worldcup-Stecke, da werden die Jungs wohl Ahnung haben. Hoffe ich.
Zurück mit dem Zug nach Roybridge, Gepäck aufgeladen und mein GPS bei den netten Camping-Inhabern abgeholt (leider hat das Laden offensichtlich nicht funktioniert), kurz mit ihnen über die geplante Strecke geplaudert und gegen 13 Uhr geht’s los. Wetter: very hot.

Bild 149

Bis zu des Generals Straße geht es das komplette Glen Roy hinauf, die ersten 14km gemütlich auf einer Single-Track-Teer­strasse, zuerst durch ein lockeres Wäld­chen, dann Weideland mit Schafen und Lämmern.

Im Glen Roy gibt es das Phänomen der Parallel Roads. Von denen wußte ich vorher nichts und hab sie nur aus Zufall fotografiert. An den Hängen des Tales erkennt man mehr oder weniger gut drei parallele Linien, die aus der Ferne wie Straßen aussehen. Tatsächlich handelt es sich dabei um drei schmale Terrassen, die die Uferlinien eines früheren Sees anzeigen, der vor 13500 Jahren am Ende der Eiszeit existierte. Zu diesem Ergebnis kam 1840 der schweizer Forscher Louis Agassiz, der damit die damals neue Glazial-Theorie untermauerte, also dass es überhaupt Eiszeiten gegeben hat.

Am Ende des Pfades liegt eine Ebene, auf der vereinzelt Rinder grasen (hat bißchen was von Prärie), links vor dem Wald sieht man eine Scheune und hinter dem Wald müsste es links hoch zum Pass gehen. Doch erst mal muss ich zu Fuß die weglose, sumpfige Ebene durchqueren, was mühsamer und langwieriger ist als erwartet und mich ans Glen Nevis erinnert, vor allem wegen den geliebten Moorgräben.

An der geschlossenen Scheune mache ich erst mal Pause. Dann geht es weiter auf gut ausgebauter Schotterstrecke zur Melgarve Bothy direkt an General Wade’s Military Road. Dort treffe ich zwei Wanderer, die mir erst mal einen Tee anbieten. Sie fragen mich, ob ich unterwegs anderen Wanderern begegnet bin, was ich bestätige und daß die wohl noch ein zwei Stunden bis hierher bräuchten. Sie haben sich hier verabredet, um zusammen über den Corrieyairack zu gehen. Sie erzählen, dass in einem Buch in der Bothy vermerkt ist, dass vor 3 Wochen auf dem Corrieyairack der schlimmste Blizzard seit 40 Jahren gewütet habe, kaum vorstellbar, bei dem prächtigen Wetter heute.

Kurz vor 18 Uhr erreiche ich den Camping. Auch der ist sehr gepflegt, große Wiese, gute Sanitäranlagen, sogar Waschmaschinen. Im Ort gibt es übrigens auch ein Hostel.

Bevor ich das Zelt aufbaue, fahre ich erst mal in den Ort für mein Belohnungspint. Der Lock Inn liegt direkt an den 5 Staustufen, die Loch Ness und den Caledonian Canal verbinden.

Schleusenanlage des Caledonian Canals und Lock Inn in Bildmitte

Der Pub ist super urig und gerammelt voll. Da ich nicht gerade nach Rosen dufte, genehmige ich mir das Pint draussen und weil die Speisekarte mit viel­ver­spre­chenden Fisch­gerichten lockt, beschließe ich, nach Zeltaufbau und Dusche mir was Leckeres zu gönnen.
Also erst mal zurück auf den Camping. Neben mir zeltet ein Straßenradler, der eine England­durch­querung macht, wobei er in London gestartet ist mit Ziel Durness. Bis vor 5 Tagen sei er ständig im Regen gefahren. Morgen will er auf direktem Weg entlang Loch Ness über Inverness nach Ullapool, das ich erst in 6 Tagen erreichen werde, da ich ja einen Bogen über Skye, Torridon und Fisherfield mache.

In den Pub komme ich kurz nach 9 zurück, es ist mittlerweile weniger los, aber die Küche hat gerade geschlossen. Grmpfsh.
Na dann jetzt aber: Uisge beatha. Lagavulin 16 yrs. Genau der richtige Stoff, um Monster zum Leben zu erwecken.

Slàinte mhath!

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