And in sunshine the waters are sleeping

Tag 9 – Mo. 28. Mai 2012

Strathcarron – Torridon

48km – 1050hm




Überblick über alle Trails im Torridon. Link zur Trailforks-Seite

Torridon. Neben Fisherfield, das auch noch vor mir liegt, die Etappe, vor der ich im Vorfeld am meisten Respekt habe. Der Name bezeichntet die Gebirgsregion nördlich von Glen Carron (wo die Hennen bereits um mein Zelt scharren). Es ist durch das Glen Torridon zweigeteilt. Der nördliche Teil ist für Mountainbiker kaum erschlossen, der südliche Teil jedoch kann auf mehreren Routen überquert werden und im englischen Singletrack-Forum gibt es viele begeisterte Berichte insbesondere über den Downhill nach Achnashellach im Glen Carron und den zum Weiler Annat im Glen Torridon, beide als Holy Trails bezeichnet. Holy, aber auch technisch anspruchsvoll und das ist es, was mich den Tag mit einer sowohl freudigen, als auch (besonders anbetracht meines doch recht schweren Bikes) angespannten Erwartung beginnen lässt.
Die Route, die ich gewählt habe, ist die westliche, wieder auf den Spuren von 13FM und da ich nicht weiß, wie lange ich brauchen werde, habe ich mir erst mal den Ort Torridon als Tagesziel gesetzt.

Nach dem Frühstück im Hotel geht’s zum Einstieg ins Gebirge, beim kleinen Örtchen Coulags, nur ein paar Kilometer vom Hotel entfernt. Man kann bis dahin die Hauptstrasse nehmen, ich wähle den Feldweg am Fluss Carron entlang, muss dabei aber einige Cattle-Tore und einen Bach durchqueren. Kurz vor Coulags, an einem kleinen Parkplatz, komme ich mit einer jungen Frau ins Gespräch, die sich gerade zum Wandern fertig macht. Pammy sieht eher italienisch als schottisch aus, zeigt mir in Ihrem Kombi ihr Carbon-Hardtail mit dem sie eigentlich weiter östlich eine MTB-Tour machen wollte, sich aber dann doch anbetracht der guten Fernsicht heute zu einer Gipfelbesteigung im Torridon entschlossen hat. So wie sie aussieht, macht sie solche Sachen öfters und da wir gerade so nett am Plaudern sind und wir auf den ersten Kilometern den gleichen Weg haben, schließe ich mich ihr erst mal zu Fuß an.

Pammy will heute auf den An Ruadh-Stac, von dem man eine tolle Aussicht vor allem nach Süden habe und empfiehlt mir, statt wie geplant östlich um den Maol Chean-Dearg solle ich ihn westlich umrunden, dann würde sich das gleiche Panorama öffnen, wenn auch 350 hm tiefer. Na, mal sehen, ich verabschiede mich und düse los. Noch bin ich im unteren Talbereich und es geht nur mäßig bergauf, teilweise sogar wieder abwärts und da sind sie wieder, die waterbars. Etwa alle 20m quert so ein Ding den Weg und im Flachen oder abwärts lassen die sich überspringen, aber bergauf, bei dem Gewicht auf dem Hinterrad, steige ich lieber jedesmal ab. Auch gibt es zwischendurch immer mal wieder steile verblockte Rampen, die ich auch schieben muss, aber ich komme gut voran.

Nach 20 Minuten blicke ich mich um, um zu schauen, ob ich Pammy im Tal noch entdecken kann, nein, offenbar bin ich schon zu weit weg – da taucht sie hinter einer Kuppe auf, kaum 100 Meter hinter mir und winkt. Wie peinlich, ich eben noch groß von meinen bisherigen und noch vor mir liegenden Großtaten getönt und dann bin ich auf dem Rad nicht schneller als sie zu Fuß.

Blick zurück nach Coulags, mit Pammy auf den Fersen (ich kann sie sehen)
Blick zurück nach Coulags, mit Pammy auf den Fersen (ich kann sie sehen)

Ausgerechnet jetzt stehe ich vor einer Rampe, aber egal, rauf auf’s Rad und hochgestemmt, die folgenden zwei waterbars gehen auch bergauf, aber kaum bin ich hinter der nächsten Kurve muss ich erst mal kurz verschnaufen – da taucht sie schon wieder auf und hat noch mehr aufgeholt. Gut dass Pammy ihr Bike im Auto gelassen hat, ich, der Held der Highlands, der Bezwinger von Glen Nevis und Erstürmer von Devil’s staircase, wäre gnadenlos nass gemacht worden. Aber jetzt geht es wieder etwas eben und ich gewinne Land, es geht über eine kleine Brücke und an der Coire Fionnaraich Bothy vorbei, immer gut fahrbar, bisher noch kein Grund, Torridon zu fürchten (das besorgt schon Pammy Gonzales, die ich jetzt aber wohl doch abgehängt habe).

Bild 396

Kurz nach der Coire Fionnaraich Bothy zweigt ein Weg nach Westen ab, eine Haarnadel nach der anderen schraubt er sich den steilen Hang hoch, das ist die Alternativ-Schleife, die Pammy meinte. Ich bleibe doch lieber auf meiner geplanten Route, da zum einen Pammies Weg nicht komplett auf meiner Karte eingezeichnet ist (mittlerweile in OSM nachgetragen) und außerdem ich die Spitzkehren hoch öfters schieben müsste, da würde sie mich noch einholen….nein, hat sie schon. Sie winkt kurz fröhlich und hat quasi im nächsten Augenblick schon zwei Haarnadeln hinter sich gelassen…….
Jetzt fällt es mir ein. „Rannoch Mor eat’s your heart“, damit hat es begonnen. Ich bin in den Highlands, ich bin in meiner eigenen, entschleunigten Zeit und die geht einfach relativ langsamer. So muss es sein. Und so wundert es mich auch nicht, dass in der Zeit, in der ich meine Flasche im Bach auffülle, Pammy schon fast oben am Pass ist.

Bild 397

Für den Entschleunigten geht es auf Singletrail wellig und leicht bergauf weiter, immer noch zeigt sich Torridon von seiner sanften Seite und schon bin ich am Loch Coire Fiannaraich, ein kleiner Karsee, an dem einige Angler ihr Bestes geben. Ganz schön weiter Weg zu Fuß um einen Fisch zu fangen, aber zugegeben, ’ne bessere Kulisse als an der Saar ist es schon.

Bild 398

Wie es Kare so an sich haben geht es ab jetzt nur noch steil bergauf. An fahren, ja sogar schieben ist nicht mehr zu denken, aber was ist schon ein Gebirge ohne Tragepassagen. Kurz vor dem Pass komme ich an einen Abzweig. Links, meine Route, geht über den Bealach na Lice (Passhöhe 430m !!!), rechts geht es auf einem Höhenweg die Karwand entlang, dann über den Bealach Ban und dahinter beginnt die Abfahrt nach Achnashellach, deren letztes Stück der heilige Gral der Freerider sein soll (und Teil des HTR550). Aber wenn ich den nehmen würde, käme ich wieder im Glen Carron raus und ich will ja nach Norden. Nachtrag: 2017 bin ich auch diesen Downhill gefahren. Absolutely awesome!!

The Rogues – Gravel walk

Und dann beginnt er. Teils technisch, Stufen, verblockt, grobes Geröll, dann wieder flowig, Pumptrack, Kurvensurfen, und immer wieder den Meerarm von Loch Torridon im Blick, ein kurzer Gegenanstieg, dann taucht das Meer wieder auf, die Konzentration wieder auf die nächste Stufe, dann Flow, Panorama genießen, Downhill auf losen Blöcken, danach Felsplatte mit Stufe, falsche Linie gewählt, geht’s? nein, lieber absteigen (das war aber das einzige Mal und daher gibt’s auch nur ein Foto) und weiter, kurzer Gegenanstieg, mit Schwung drüber, wieder Meerblick, Stufen, Geröll, Flow………. Viel zu früh erreiche ich die Straße bei Annat unten in der Bucht, rolle entlang eines historischen Friedhofes und kleinen pittoresken Häuschen, voll das Klischee, vielleicht aber auch Halluzination, ich seh alles rosa, meine Mundwinkel treffen hinter dem Kopf wieder zusammen und irgendjemand jauchzt „Hallelujah“.

The Holy Descent to Annat
The Holy Descent to Annat

Das Ding ist der Hammer. Man muss kein Downhiller sein, aber eine solide Fahrtechnik haben, wenn man den Trail mit Gepäck komplett fahren will, auch wenn das Stück auf dem Foto harmlos aussieht. Gefährlich ist es aber an keiner Stelle.

Das Örtchen Torridon hat ein Youth Hostel und daneben eine kostenlose Campside mit ebenfalls kostenlosen Toiletten und Duschen. Weiter im Ort gibt es einen Store mit Cafe, den ich aber nicht besucht habe. Stattdessen baue ich mein Zelt auf, deponiere mein Gepäck darin und breche wieder auf. Es ist früher Nachmittag und wohl noch genug Zeit für die Beinn-Damph Runde. Um es gleich vorweg zu sagen: gemütlich angegangen dauert die 3 Stunden und ist zu 80% fahrbar.

Zuerst geht es auf der Straße zurück zum Ende der Annat-Abfahrt und weiter Richtung Applecross. Am Annat Torridon Inn gönne ich mir, gemütlich in schweren Polstersesseln lümmelnd, ein flüssiges Mittagsmahl in Form eines Black Cuillinn Heavys, eines Ben Damph Bitters und zum Nachtisch eines Laphroaigs. Hey, ich bin im Urlaub. In Schottland. Mitten im Torridon. This has to be celebrated adequately.

Abends weht ein heftiger Wind über den Zeltplatz. Wetterwechsel? Aber es bleibt trocken.



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